WAS IST TRANSHUMANISMUS?

1957 veröffentlichte der britische Biologe Julian Huxley sein Buch New Bottles for New Wine  in dem er unter anderem Folgendes schrieb:


„Die menschliche Spezies kann, wenn sie es möchte, über sich selbst hinauswachsen - nicht nur sporadisch, ein Einzelner mal so, ein anderer mal so, sondern als Ganzes, als Menschheit. Wir brauchen einen Namen für diesen neuen Glauben. Vielleicht passt Transhumanismus ganz gut: Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet.“


Im darauffolgendem Jahr, am 8. Oktober 1958 transplantierte der schwedische Herzchirurg Åke Senning mithilfe des Siemens-Ingenieurs Rune Elmqvistden den ersten vollständig in einen menschlichen Körper eingebetteten Herzschrittmacher. Eine Maschine die ihrem Träger Arne Larsson ermöglichen sollte die Einschränkungen seines Körpers zu überwinden, um wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können. 


Dennoch: Sie war lediglich ein Hilfsmittel, eine bessere Prothese! Zu was wäre der Mensch noch fähig, wenn er sich wissenschaftlicher Errungenschaften bediente, um über die Limitierungen seines Körpers hinauszuwachsen? Und wichtiger noch: Wo zöge er die Grenzen? Wo bleibt der Mensch noch Mensch?


Ideen aus der Vergangenheit


Die ersten Funken des Transhumanismus lassen sich bereits in der Antike finden, wo auch immer der Mensch über die Grenzen seiner menschlichen Beschränkungen hinauszuwachsen wünscht. Beispielsweise in der Erzählung von Dädalus und seinem Sohn Ikarus, die mit Flügeln aus Wachs ihrer Gefangenschaft entkommen. Eine Geschichte die den Traum des Menschen widerspiegelt sich eines Tages in die Lüfte zu erheben und zu fliegen. Hier findet sich aber auch eine Moral: Denn Ikarus missachtet die Warnungen seines Vaters und fliegt zu nahe an die Sonne heran, was ihm schließlich das Leben kostet. Der schwedische Philosoph Nick Bostrom deutet auch auf das Gilgamesch-Epos als frühestes Beispiel, in dem es um die Suche nach Unsterblichkeit und ewiger Jugend geht, die am Ende aber verwehrt bleibt.


1799 veröffentlichte der englische Autor und politische Philosoph William Godwin den Roman St. Leon: A Tale of the Sixteenth Century in dem es um den französischen Aristokraten Count Reginald de St. Leon geht, welcher von einem sterbenden Fremden das Geheimnis ewigen Lebens und der Herstellung von Gold erhält, was ihn letztlich dazu zwingt ein Leben in Einsamkeit zu führen, da er das Schicksal seiner Familie nicht teilen kann. Das Buch war zu seiner Zeit ein großer Aufreger, geriet aber zunehmend in Vergessenheit, wobei es eine große Inspirationsquelle für Goodwin's Tochter war, der Frankenstein-Autorin Mary Shelley.





1869 postulierte der britische Anthropologe Francis Galton die umstrittene Idee der Eugenik (oder auch: Eugenetik), der Bestrebung die Verbreitung von positiv bewerteten Genmaterials zu fördern und negativ bewerteten Genmaterials zu verringern, um die Lebensqualität der menschlichen Rasse zu verbessern. Eine Idee die anfangs viele Anhänger hatte, aber durch die zunehmende Pervertierung der Nationalsozialisten heute mit berechtigtem Argwohn betrachtet wird.


1883 brachte Friedrich Nietzsche mit seinem Buch Also sprach Zarathustra das Konzept des Übermenschen zur Sprache. Laut diesem sei es das Ziel der Menschheit über seine Grenzen hinauszuwachsen und mehr zu sein als eine bloße Kreation Gottes. Auch diese Idee wurde von den Nazis aufgegriffen, ironischerweise aber auch von den Amerikanern Jerry Siegel und Joe Shuster, den Schöpfern der Superman-Comiks.


Schon 1933 ließen sie sich davon zu der Kurzgeschichte The Reign of the Superman inspirieren. Darin geht es um den Obdachlosen Bill Dunn der sich von einem verrückten Wissenschaftler einen Trank aufschwatzen lässt, der ihm telepathische Fähigkeiten verleiht, aber auch seinen Verstand vergiftet. Dunn ermordet den Wissenschaftler und trachtet danach die Welt zu beherrschen. Zu spät erkennt er, dass der Trank nur eine kurze Weile wirkt und er gezwungen ist in sein altes, machtloses Leben zurückzukehren.


In den 1940ern nahm zunehmend die Kybernetik als wissenschaftliche Disziplin Gestalt an, die sich mit den Gemeinsamkeiten von Computern und dem menschlichen Gehirn auseinandersetzte und versuchte mögliche Schnittstellen zu ergründen. Obwohl der Begriff "Cyborg" als Inbegriff der Verbindung von biologischem Organismus und Maschine erst in den 1960ern geprägt wurde, gab es entsprechende Ideen schon eine ganze Weile. 1839 veröffentlichte Edgar Allen Poe die satirische Kurzgeschichte The Man That Was Used Up um einen Brigardegeneral der nach Jahren des Krieges nur noch aus Prothesen besteht. 1911 schrieb der Franzose Jean de La Hire mit Le Mystère des XV die wohl weltweit erste Geschichte über einen Cyborg.


Überhaupt war die Science-Fiction von jeher ein Vorreiter in punkto Transhumanismus. Ein besonderer Visionär war der polnische Schriftsteller Stanisław Lem, der schon in den 60er und 70er Jahren Entwicklungen wie Nanotechnologie, Neurale Netze und Virtuelle Realitäten vorher sah. Besonders hervorzuheben sind dabei seine Werke Die Sterntagebücher (1957), Summa technologiae (1964) und Der futurologische Kongress (1971).


Die Bionik nimmt sich Mechanismen und Systeme der Natur zum Vorbild und überträgt sie auf die Technik. So ließen sich Wissenschaftler beispielsweise von der Lotusblüte zu wasserabweisenden Materialien inspirieren. Die Bionik hat auch große Fortschritte im Bereich der Aerodynamik ermöglicht, was Flugzeuge und Züge bei geringerem Kraftaufwand schneller macht. Sie gelangte über die Serie The Six Million Dollar Man (1970) in das Bewusstsein der breiten Bevölkerung, die auf dem Buch Cyborg von Martin Caidin beruht. (Wieviel sie mit der eigentlichen Bionik noch zu tun hat ist allerdings fraglich!)





Transhumanismus aktuell


Der Transhumanismus wird immer mehr Thema, ihm wird aber nach wie vor mit großer Skepsis begegnet. Was nur allzu verständlich ist, bedenkt man wie fixiert die Menschen schon jetzt auf ihre Mobiltelefone und Computer sind. Die Versprechungen die hinter der Bewegung stehen sind aber auch zu verführerisch. Seit 2016 beispielsweise arbeitet die von Elon Musk gegründete Firma Neuralink Corporation an der Entwicklung eines implantierbaren Brain-machine interface (BMI) das es nicht nur ermöglichen soll mittels Gedanken an Computern zu arbeiten, sondern auch untereinander Informationen auszutauschen. Statt mit Fortschritten aufzuwarten, machte die Firma bisher aber stärker mit Skandalen auf sich aufmerksam. So wurde gegen Musk und Neuralink wegen unnötiger Grausamkeit gegenüber Versuchstieren ermittelt.

Im Feld der Genetik gibt es größere Fortschritte: Mittels der
CRISPR/Cas-Methode soll DNA gezielt geschnitten und verändert werden können. Dies soll helfen Erbkrankheiten auszuschalten, könnte in weiterer Folge aber auch dazu verwendet werden die gesamte Beschaffenheit eines Menschen schon vor der Geburt einschneidend zu verändern. Einzelne Individuen betreiben jetzt schon das sogenannte Biohacking, greifen auf Teile ihrer Physiologie zu und verändern diese um sich ihren Mitmenschen gegenüber einen Vorteil zu verschaffen. Man kann im Internet sogar schon Do-it-yourself-Kits kaufen, diese werden aber von mehreren Stellen wie dem deutschen Verbraucherschutz als gefährlich eingestuft und sollten nicht leichtfertig zur Hand genommen werden. 


Was Cyborgs betrifft gibt es auch schon einige Neuerungen. Nicht nur lassen sich Prothesen mittlerweile so herstellen, dass sie verblüffende Ergebnisse erzielen. Es gibt sogar Menschen die spezielle Implantate und Sensoren entwickeln und sich diese in Zusammenarbeit mit professionellen Ärzten chirurgisch einsetzen lassen. Darunter der britische Avantgarde-Künstler Neil Harbisson (siehe Bild oben) der seit 2004 als erster von einer Regierung anerkannter Cyborg gilt. Harbisson war seit seiner Geburt farbenblind und beschloss sich ein Implantat einzusetzen, das fix mit seinem Hirn verbunden ist und ihm erlaubt Farben zu "hören". Als man ihm die Ausstellung eines neuen Passes verweigerte, weil auf dem Passfoto kein elektronisches Gerät erlaubt war, dieses allerdings fix an seinem Schädel befestigt war, intervenierten sein Arzt und seine Professoren an der Uni bei der britischen Regierung, was nach langem hin und her schließlich zu seinem Status als Cyborg führte.


Am 1. Juli 2012 kam es in einem McDonald's an der Champs-Élysées in Paris zum offiziell ersten Fall von Diskriminierung gegen einen Cyborg. Der kanadischen Erfinder und Ingenieur Steve Mann wurde wegen seiner Implantate vom Personal belästigt und das Attest seines Arztes, das er zur Vorlage bei Behörden benötigte zerrissen. Man versuchte sogar ihm das Gerät wegzunehmen, das aber wie in Harbisson's Fall fest an seinem Kopf montiert war. Durch den Versuch wurde allerdings der Aufnahme-Mechanismus aktiviert, der es Mann ermöglichte das Geschehene zu dokumentieren. Die Zentrale von McDonald's weigerte sich zu den Vorfällen Stellung zu beziehen, was schließlich dazu führte, dass Mann sie publik machte und das Mann-Wassell-Gesetz vorschlug das Übergriffe wie diese in Zukunft verhindern sollen.


Unterm Strich ist der Transhumanismus ein wahrer Garten an Möglichkeiten. Dennoch sind einige Argumente der Skeptiker nicht von der Hand zu weisen. Wir wissen zum Beispiel noch viel zu wenig darüber wie unser Gehirn und unsere Gene funktionieren. Das Feld der Epigenetik das sich - grob gesagt - mit den Einflüssen der Natur auf unsere Genaktivität beschäftigt, ist noch relativ jung. Es lässt Fragen offen die in unserer weiteren Entwicklung noch eine große Rolle spielen könnten, Zudem haben wir uns schon jetzt viel zu sehr von der Natur abgekapselt und flüchten uns in virtuelle Realitäten, anstatt Missstände anzugehen, aus unseren Fehlern zu lernen und damit aktiv unsere Lebensqualität zu verbessern. Der Mensch als Individuum ist ebenfalls ein nicht zu unterschätzendes Thema. Was ist das "Ich" noch wert in einer automatisierten, gleichgestalteten Welt?

 


#FEEDBACK

von Peter.W. 24. Februar 2026
2019 wurde auf 4chan dazu aufgerufen Fotos zu posten, die folgenden Kriterien entsprechen sollten: "disquieting images that just feel 'off'" Am 18. Mai reichte ein anonymer User das Foto eines unwirtlichen gelben Korridors ein, das bereits seit mindestens 2011 im Netz kursierte. Dieses wurde am darauffolgenden Tag von einem anonymen User um den Namen Backrooms und folgende Creepypasta ergänzt: If you're not careful and you noclip out of reality in the wrong areas, you'll end up in the Backrooms, where it's nothing but the stink of old moist carpet, the madness of mono-yellow, the endless background noise of fluorescent lights at maximum hum-buzz, and approximately six hundred million square miles of randomly segmented empty rooms to be trapped in God save you if you hear something wandering around nearby, because it sure as hell has heard you. Von da an ging eine Welle der Inspiration durch's Netz. Fans bauten weiter auf dem Mythos auf, kreierten ihre eigenen Bilder, Geschichten, Spiele und Filme. Diverse Internethorror-Channels berichteten über das Phänomen und auch wir vom Kollektiv-Magazin stellten die Backrooms im August 2021 in unserem Artikel Dark Oddities # 13 vor und kamen sogar auf das zugrundeliegende Konzept der Liminal Spaces zu sprechen. Den wirklichen Durchbruch schafften die Backrooms aber am 1. Februar 2022, als der damals 16-jährige Filmemacher und VFX-Artist Kane Parsons aka Kane Pixels das Erste einer ganzen Reihe von Analog Horror-Videos veröffentlichte: "The Backrooms (Found Footage)". Das raffiniert gemachte Nischenprojekt avancierte rasch zur viralen Sensation. Innerhalb eines Monats wurde es 13 Millionen mal angeklickt. Und die Massen hungerten nach mehr!
von Manuel Waldner 11. Februar 2026
Willkommen zum „INFINITI“-Spezial im Kollektiv Podcast! DI Dr. Norbert Frischauf (CERN, ESA, NASA) und Host Manuel Waldner diskutieren die Space- & Science-Highlights des Jahres 2026 und beantworten eure ZuschauerInnenfragen. Nach 50 Jahren Abwesenheit kehrt die Menschheit mit der Artemis-Mission und europäischer Beteiligung endlich zum Mond zurück, um dort eine dauerhafte Präsenz als Sprungbrett für den Mars aufzubauen. Norbert Frischauf beleuchtet die faszinierende Suche nach Leben auf dem Roten Planeten, wo Methan-Vorkommen und unterirdisches Eis auf noch existierende Mikroben hindeuten könnten. Der Podcast taucht tief in die Welt der Physik ein, von der Suche nach Dunkler Materie am CERN bis hin zur kritischen Einordnung der aktuellen Hypes um Kernfusion und Mega-Raketen wie dem Starship. Auch die Grenzen der Künstlichen Intelligenz in der Forschung und die ethischen Risiken von Geoengineering werden schonungslos analysiert. Abschließend gibt es einen Ausblick auf 2026, wo neue Super-Teleskope wie das ELT und James Webb potenziell erste echte Biosignaturen auf fremden Welten entdecken könnten. 01:12 - Rückkehr zum Mond: Das europäische Servicemodul und das neue Artemis-Raumschiff 02:13 - Artemis vs. Apollo: Warum wir nach 50 Jahren wieder fliegen und was anders ist 05:05 - Wasser am Mond: Warum die Pole und der "Halo Orbit" entscheidend sind 07:58 - Sprungbrett Mars: Nuklearantriebe und der Mond als Weltraumbahnhof 11:04 - Der Mars-Rover: Technische Herausforderungen bei -80 Grad Celsius 14:10 - Leben auf dem Mars: Methan als starkes Indiz für unterirdische Mikroben 17:39 - Mega-Raketen: Sinkende Kosten durch Starship und die Grenzen der Physik 22:42 - Dunkle Materie: Was uns Gravitationslinsen und das Euklid-Teleskop verraten 25:28 - Blick ins CERN: Wie Teilchenbeschleuniger den Urknall simulieren 31:44 - KI in der Wissenschaft: Warum Klimamodelle keine "starke KI" sind 37:59 - Robotergesetze: Isaac Asimovs Regeln und die Grenzen moderner Algorithmen 39:20 - CRISPR & Genetik: Warum der medizinische Durchbruch noch Zeit braucht 41:59 - Kernfusion erklärt: Der Unterschied zwischen Laser-Fusion und Tokamak 48:44 - Der neue Super-Collider (FCC): Warum wir eine 20-Milliarden-Maschine brauchen 55:52 - Ausblick 2026: Das European Extremely Large Telescope und die Suche nach einer zweiten Erde Ihr wollt auch eine Antwort vom Profi? Schickt eure Fragen an science@kollektiv-magazin.com . Die spannendsten Einsendungen nehmen wir in die nächste Episode auf! 👉 Vergesst nicht zu abonnieren! Werdet Teil des Kollektivs und verpasst keine unserer Touren, Talks und Eskapaden mehr.
von Manuel Waldner 30. Januar 2026
Die Nächte in Reykjavík flüstern von Maschinen und Träumen. Ein Echo hallt durch die Dunkelheit: "Afrit... Afritvél..." Die "Kopiermaschine" surrt unheilvoll, bereit, mehr als nur Tinte zu übertragen. Sie saugt Sehnsüchte auf, projiziert Bilder auf eine Leinwand der Besessenheit. Eine junge Frau steht im Scheinwerferlicht ihrer Fantasie, eine Königin auf einer Bühne, die nur in ihrem Kopf existiert. Doch der Glanz trügt. Hinter der polierten Fassade brodelt eine dunkle Wahrheit. Eine unheilvolle Entdeckung in der Stille des Kopierraums. Ein Stil kopiert bis ins kleinste Detail – und mit ihm ein Schatten des Endes. Angst kriecht unter die Haut, eine unstillbare Gier nach etwas, das nicht ihr Eigen ist. Warum diese tiefe Traurigkeit im Herzen, wenn die Oberfläche doch so strahlend ist? Sie tanzt auf einem schmalen Grat zwischen Märchen und Realität, unantastbar in ihrer eigenen Welt. Der Kopf hoch erhoben, ein flüchtiger Stern am Nachthimmel. Doch das "La-La-Land", in dem sie lebt, droht zu zerbrechen, ihre Handlungen hinterlassen Spuren der Zerstörung. Ist dieser gefährliche Pfad wirklich der Weg in die Freiheit? Die Maschine flüstert weiter, verlangt nach mehr. Träume sollen kopiert, Strahlen fixiert werden. Nicht nur der Wunsch nach dem Rampenlicht, sondern das Verlangen, das innerste Wesen zu duplizieren – "Afrit, Afritvél, viltu afrita genið?" Willst du das Gen kopieren? Teure Kleider, ein perfekt gestyltes Haar – eine Rüstung gegen die Welt. Die hasserfüllten Blicke prallen ab an einer Mauer aus Ignoranz. Prada als Schutzschild, während in den Casinos von Las Vegas ein riskantes Spiel mit dem Schicksal getrieben wird. Und dann diese Visionen: Einhörner und Engel, ein Kuss am Abgrund, ein Aufstieg in einen violetten Himmel. Ein flüchtiger Moment der Erlösung, in dem die Freiheit in den Augen glitzert. Doch ist es echt? Oder nur ein weiteres Bild, projiziert von der unheimlichen Maschine? Die "Afritvél" läuft unaufhaltsam weiter, eine Metapher für eine gefährliche Suche nach Identität. Eine Geschichte von Besessenheit, von der trügerischen Verlockung der Nachahmung und dem verzweifelten Wunsch, jemand anderes zu sein. Lausche genau, denn in den elektronischen Beats und dem eindringlichen Gesang verbirgt sich eine dunkle Wahrheit über den Preis der Freiheit und die Zerbrechlichkeit des Selbst. Hier gibt es mehr Informationen zum Musikprojekt: https://www.kollektiv-magazin.com/ai-musikprojekt-dominion-protocol
von Manuel Waldner 30. Januar 2026
Vom Rockprofessor bis zur Ex-Politikerin, vom Hit-Produzenten bis zum Kinder-Entertainer: Wir waren zu Gast bei Reinhart Gabriels „Stammtisch für Kunstschaffende“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Szene, die vor allem eines braucht: Echte Begegnung. Es ist keine gewöhnliche Podcast-Folge aus dem Wohnzimmer, wo sonst die Wäsche hängt. Diesmal sind wir mittendrin im Geschehen. Der Ort: Ein Raum voller Geschichte(n). Der Anlass: Der Stammtisch für Kunstschaffende. Hier geht es nicht um bloßes Visitenkarten-Tauschen, sondern um das Überleben und Aufblühen in einer Branche, die so hart wie herzlich sein kann. Das Ziel ist branchen- und generationenübergreifendes Netzwerken, bei dem man sofort weiß, „Wer ist wer“. Gastgeber Reinhart Gabriel hat eine klare Mission: Er schafft Räume für Begegnungen und Weiterbildung, damit Menschen voneinander lernen können. Doch was nehmen Künstlerinnen und Künstler konkret vom Stammtisch für Kunstschaffende mit? Reinhart Gabriel betont, dass es neben Theorie und Honorarnoten vor allem um das „praktische Wissen aus meinen letzten 35 Jahren in diesem Musikbusiness“ geht. Besonders am Herzen liegt ihm dabei die mentale Gesundheit: „Jede Menge Tipps und Tricks, wie man das Ganze ohne Substanzen übersteht. Dieses Business.“ Generationenübergreifender Groove Das Besondere am Stammtisch für Kunstschaffende ist der Mix: Hier trifft der Newcomer auf die Legende. Einer dieser Legendären ist Reinhold Bilgeri. Als Rockprofessor, Filmemacher und Autor hat er fast alles erreicht, doch der Antrieb ist ungebrochen. „Künstlerisch treiben mich meine Ideen, die nach wie vor herumkreisen, in meinem Kopf an“ , erzählt Bilgeri. Für ihn ist die Verbindung der Disziplinen ein Glücksfall: „Ich kann einen Roman schreiben und aus dem Roman ein Drehbuch machen [...] und dann am Schluss hast ein Film da.“. Eine Generation weiter – und doch künstlerisch verbunden – ist seine Tochter Laura Bilgeri . Nach sechs Jahren in Los Angeles hat sie im Lockdown ihre Liebe zur Musik entdeckt. Der Wechsel vom Filmset zur Musikbühne war fließend: „Alles Kreative ist wunderschön. Egal, ob es jetzt an einem Set ist [...] oder im Musikstudio“. Dennoch gibt es Unterschiede in der Nervosität. Auf die Frage, was nervenaufreibender sei – Casting oder Live-Auftritt – antwortet sie klar: „Tatsächlich ein Casting [...] Meistens sind diese Caster halt sehr emotionslos [...] Und bei einem Liveauftritt kriegst du gleich ein Feedback.“ Von der politischen Arena auf die Showbühne Einen der wohl spannendsten Karriere-Twists des Abends verkörpert Eva Glawischnig-Piesczek . Die ehemalige Spitzenpolitikerin ist heute auch musikalisch unterwegs. Hilft die Erfahrung harter politischer Debatten gegen Lampenfieber beim Singen? „Absolut. Also so exponiert zu sein wie in einem Parlament [...] In so einer richtigen Arena, in einer Kampfarena bist. Das ist schon eine Spur härter, als auf einer Musik Bühne zu stehen.“ Privat liebt sie Soul und Aretha Franklin – Musik, bei der man auch mal „Achter machen“ kann mit der Hüfte. Das Geschäft mit der Musik: Streaming, Hits und Rechte Doch Romantik allein zahlt keine Miete. Alexander Kahr , einer der erfolgreichsten Hitproduzenten des Landes, gibt Einblicke in die veränderte Realität der Musikproduktion im Streaming-Zeitalter. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt: „Dass der Anfang nie länger wie 3 bis 4 Sekunden sein sollte [...] Sonst bist du sofort weg.“ Dennoch bleibt für Kahr eines entscheidend: Die Persönlichkeit. Die ganz Großen, so Kahr, „haben sich selber nie wichtig genommen“. Damit am Ende auch das Geld stimmt, setzen sich Menschen wie Hans Ecker (AKM-Vizepräsident) und Emanuel Treu (AKM-Vorstandsmitglied) ein. Treu, der selbst den Podcast "Der erfolgreiche Musiker hostet", sieht keinen Widerspruch zwischen Funktionärsarbeit und Kreativität. Im Gegenteil: „Ich bin eigentlich überzeugt davon, dass ich ein besseres Vorstandsmitglied bin. Deshalb, weil ich die Branche hautnah erlebe.“. Ehrliches Feedback: Kinder und der Wiener „Schmäh“ Wer wissen will, ob eine Performance wirklich funktioniert, sollte Christoph Hirschler fragen. Der Kinderentertainer und Zauberer stellt sich täglich der härtesten Jury der Welt. „Wenn es ein Kind nicht interessiert, steht auf und geht oder macht irgendwas anderes.“ Diese Schule der direkten Resonanz hilft ihm auch vor erwachsenem Publikum. Ein Publikumsliebling ganz anderer Art ist Adi Hirschal . Er hat das „Strizzi-Lied“ wieder salonfähig gemacht und sieht darin eine Antwort auf den Zeitgeist: „Die Sehnsucht nach einer Unkorrektheit, die völlig abhanden gekommen ist in der letzten Zeit, weil alles so korrekt ist und so geschniegelt.“ . Sein Rat an die Jungen? Nicht im stillen Kämmerlein bleiben, sondern „Offen zu sein.“. Wien: Mehr als Mozart W24-Journalist Gerhard Koller bestätigt beim Stammtisch für Kunstschaffende, dass Wien seinen Ruf als Weltstadt der Musik zu Recht trägt, sich aber wandelt. Es geht nicht mehr nur um Mozart und Falco. „Gerade der neue Austro Pop [...] ist ein ganz starkes Lebenszeichen.“ . Bands wie Wanda oder Bilderbuch zeigen eine „ganz moderne, neue Art des Wienerischen“. Fazit: Vernetzung ist alles Ob Bildregisseur Axel Hofmann , der live Pannen ausbügeln muss, ohne dass der Zuschauer es merkt , oder das Musik-Duo Pilat & Pross , die sich blind verstehen: Der Tenor des Abends ist eindeutig. In einer Zeit, in der vieles digital und oberflächlich läuft, ist der persönliche Kontakt Gold wert. Der Stammtisch für Kunstschaffende von Reinhart Gabriel beweist: Wenn Menschen ihre Geschichten teilen, entstehen nicht nur Netzwerke, sondern Inspiration für die Zukunft. Die Gäste dieser Ausgabe Reinhart Gabriel: Gastgeber & Seminarleiter Reinhold Bilgeri: Rockprofessor & Multimedia-Künstler Laura Bilgeri: Schauspielerin & Musikerin Hans Ecker: AKM-Vizepräsident Emanuel Treu: Songwriter, Podcaster & AKM-Vorstand Eva Glawischnig-Piesczek: Ex-Politikerin & Sängerin Gerhard Koller: Journalist (W24) Axel Hofmann: Bildregisseur Adi Hirschal: Schauspieler & Intendant Christoph Hirschler: Kinderentertainer Alexander Kahr: Musikproduzent Pilat & Pross: Musik-Duo Sonja Plöchl: Model & Bookerin Credits: Redaktion & Schnitt: Manuel Waldner | Kamera: Marcus Schwemin