DIE GESCHICHTE DES SPAZIERGANGS

Eine der einfachsten und doch unterschätztesten Dinge die man tun kann: Spazieren gehen!

Photo (C) by Daria Obymaha




Man geht davon aus, dass die Vorfahren des Menschen vor 5 - 6 Millionen Jahren dazu übergingen sich des aufrechten Ganges zu bedienen. Über die genauen Beweggründe gibt es mehrere Theorien: Erhöhte Sichtbarkeit, Effizienz beim Laufen, Thermoregulation... Es hatte jedenfalls zur Folge, dass sich ihr Gehirn auf die neuen Gegebenheiten anpassen musste, erforderte eine größere Kontrolle über Muskeln und Knochen, einschließlich der Wirbelsäule, des Beckens und der Beine. Es mussten komplexere Informationen verarbeitet werden, wie der Gleichgewichtssinn, die Tiefenwahrnehmung, die räumlichen Orientierung und räumliches Denken. Dies stimulierte vor allem die Entwicklung des präfrontalen Kortex und des Kleinhirns, die eine massive Rolle in der Evolution hin zum modernen Menschen spielten.


Wir haben dem aufrechten Gang also eine Menge zu verdanken! Und doch nehmen wir ihn viel zu leichtfertig und unterschätzen was er immer noch für uns tun kann, besonders wenn es darum geht Inspiration zu tanken. (Was ja, wie hoffentlich mittlerweile etabliert, unser Steckenpferd ist hier beim Kollektiv-Magazin!) Man sieht die Leute allerorts auf den Straßen, gedankenverloren, den Kopf vornüber gebeugt auf ihre Handys hinabstarren und wundert sich, warum die Menschen immer dümmer werden! Zumal es soviel zu sehen gäbe, selbst an Orten an denen man jeden Tag wie selbstverständlich vorbeiläuft. So viele Möglichkeiten zu entdecken, zu reflektieren, projizieren!   


Um dem "Gehen" wieder mehr Liebe zukommen zu lassen, aber auch um über einige seiner ungeahnten Möglichkeiten zu informieren, wollen wir euch einladen uns auf einen Spaziergang durch die Geschichte des Spaziergangs zu begleiten...


   





Der Müßiggang




Der Müßiggang bezeichnet heute umgangssprachlich das freie, entspannte umherstreifen ohne jede Pflicht oder erholende Absicht. Meist steht es in Verbindung mit geistigen Genüssen oder leichten Vergnügungen. Man frönt schlicht der "Muße", also der Zeit die einem für sich selbst zur Verfügung steht und nicht mit einer praktischen oder sinnerfüllten Tätigkeit einhergehen muss, wie es in der Freizeit oder der im englischen Sprachraum geläufigeren "Quality Time" der Fall ist. 

Dabei hat der Müßiggang seine Wurzeln in durchaus konstruktiven Tätigkeiten: In der Antike nutzten vor allem die Philosophen den Müßiggang um die Welt zu betrachten, das Erlebte in Ruhe zu verarbeiten und sich ausgiebig Gedanken darüber zu machen. Er war ein wichtiger Teil ihres Studiums und lieferte einige erstaunliche Ergebnisse, von denen leider nur eine Handvoll überliefert wurden.

Dass er oft mit Faulheit oder gar Laster in Verbindung gebraucht wird, verdanken wir der christlichen Theologie im Mittelalter, die Faulheit/Trägheit den sieben Todsünden zuschrieb. Im Protestantismus die Arbeit und Beruf als wichtige Grundpfeiler unserer Gesellschaft betrachteten, und deren Lehren später Max Weber's Schriften zum Frühkapitalismus inspirierten - das nur am Rande - verkündete man gar: "Müßigkeit ist aller Laster Anfang." Ein Satz der nicht zuletzt vom dänischen Philosophen Søren Kierkegaard relativiert wurde, der schrieb:

„An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“

Heute wird der Müßiggang dadurch gerechtfertigt, dass man ihn mit einem erholsamen Spaziergang, einem Minimum sportlicher Ertüchtigung, mit Wellness oder meditativen Tätigkeiten in einen Topf wirft. Schon Friedrich Nietzsche äußerte sich zum Thema:

„Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: Der Hang zur Freude nennt sich bereits ‚Bedürfnis der Erholung‘ und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. ‚Man ist es seiner Gesundheit schuldig‘ — so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.“


Wie man es dreht und wendet: Das Gehen tut uns gut, fördert den Geist und bringt die kreativen Säfte zum fließen...



 





Flanieren

 

So wichtig wie das Gehen für Körper und Geist ist, so unterschiedlich sind die Arten und Weisen dies zu tun: Man kann eine Runde um den Block gehen, möglicherweise in Begleitung eines Vierbeiners. Man kann eine Strecke, die man sonst mit Auto, Fahrrad oder anderen Verkehrsmitteln zurückgelegt hätte, zwecks der Entschleunigung etwa, zu Fuss absolvieren. Man kann aber auch planlos umherstreifen, sich treiben lassen, die Menschen und Dinge betrachten, Landschaft und Architektur bewundern. Ein beliebtes Synonym für letzteres Beispiel ist das sogenannte "Flanieren". 

Was das Flanieren zu früherer Zeit vom bloßen Spazieren unterschied, war dass es nicht allein darum ging zu sehen, sondern gesehen zu werden. Man ließ sich "anschauen", zeigte Präsenz und hatte Gelegenheit seinen Status zur Schau zu stellen. Keine ganz ungefährliche Angelegenheit, denn fiel man unangenehm auf wurde man schnell zum Opfer von Klatsch und Tratsch. Aus diesem Milieu heraus entwickelte sich die literarische Figur des Flaneurs, eines intellektuellen Beobachters der über die Dinge reflektiert und fachsimpelt, die ihm auf seinem täglichen Spaziergang über den Weg laufen. Er selbst zeigt sich dabei eher distanziert und über den Dingen stehend.


Sein weibliches Äquivalent war die Passante, die als Figur insofern spannender war, als dass sie sich zusätzlich über die herablassende oder besitzergreifende Art ihrer Mitmenschen erheben musste. Frauen die ziellos und ohne Begleitung umherspazierten galten damals leicht als lasterhaft. Ein chauvinistisches Bild, das zum Glück durch die zunehmende Mobilisierung und soziale Aufklärung abnahm. Nicht zuletzt dank des enormen Engagements der Frauen selbst. Es ist beeindruckend zu bemerken, dass das Flanieren auch als politisches Statement seine Berechtigung hatte und in vielerlei Weise immer noch hat. In der Sichtbarmachung von Diversität in Kultur, Religion und Identität etwa, die von vielen zweifelhaften Seiten leider immer noch in die Abnormität gedrängt werden möchte. Umso wichtiger ist der freie Zugang in den Öffentlichen Raum - ohne Furcht vor Repression! 


Auch wenn dem klassischen Flanieren schon vor langer Zeit der Tod beschieden wurde, finden sich heute noch weitreichende Beispiele für entsprechende oder ähnliche Motive. Man nehme nur die Wiener Kaffeehausliteratur, wo man als Autor bei einer gemütlichen Tasse Espresso sitzen und auf einem Schreibblock seine Beobachtungen notieren kann! Was die Flaneure und Passanten betrifft, findet man eine etwas zeitgenössischere Entsprechung im Phoneur, ein Begriff der 2005 von Kulturwissenschaftler Robert Luke definiert wurde. Diesem steht zusätzlich zu seinen persönlichen Beobachtungen und seinem Intellekt (falls überhaupt vorhanden), das gesamte Wissen des Internets zur Verfügung, das er auf Knopfdruck von seinem Mobilgerät abrufen kann. Was paradox ist wenn man bedenkt, dass dies mit "Treiben lassen" nur noch sehr wenig zu tun hat.



   





Promenadologie


1976 unternahm der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt ein soziales Experiment mit StudentInnen der Universität Kassel, den sogenannten "Urspaziergang". Er führte die Gruppe entlang eines vorgeplanten Weges nahe des Dorfs Riede und stellte die Aufgabe im Anschluss die besonders in Erinnerung gebliebenen Orte auf einer Karte zu verzeichnen. Darauf ergaben sich Übereinstimmungen die auf eine gemeinsame Vorprägung der Landschaftswahrnehmung hindeutete. Manche der Teilnehmer erinnerten sich sogar einen Brunnen gesehen zu haben, der nicht existierte, wohl ausgelöst durch eine situationsbedingte Assoziation mit dem Volkslied "Am Brunnen vor dem Tore".

Aus diesem Experiment begründete Burckhardt mit seiner Frau, der Künstlerin Annemarie Burckhardt die kulturwissenschaftliche und ästhetische Methode der "Promenadologie", auch "Spaziergangswissenschaft", englisch: "Strollology". Darin geht es um die Wahrnehmung von Umwelt und deren Erweiterung, auch im urbanen Umfeld. Spielte die Promenadologie erst eine größere Rolle im Diskurs um Stadt- und Landschaftsplanung, der Verbesserung der Lebensqualität und Sicherheit in den Städten, gewann sie auch zunehmend in der Kunst an Bedeutung. Unter anderem entwickelte sich daraus das Konzept des Stadtspaziergangs, das heute zunehmend an Beliebtheit gewinnt.

Der Stadtspaziergang funktioniert nach ähnlichen Methoden wie die (historische) Stadtführung oder das "Sightseeing" im Tourismus, hier wird allerdings ein stärkeres Bewusstsein für die Umgebung geschaffen und mitunter auch aktionistisch und narrativ auf andere Kunstformen zurückgegriffen. Oft braucht es nicht mal einen Führer im eigentlichen Sinne, um sich auf einen Stadtspaziergang zu begeben. Man kann sich auch auf einen vorgelegten Pfad oder eine Spurensuche begeben, die im Vorfeld präpariert wurden, um ein immersives Entdecken und Erleben zu ermöglichen. Oder man folgt den Spuren einer literarischen Figur in einem Buch, wie es Leser von James Joyce's "Ulysses" zu tun pflegen, wenn sie sich - gar am
Bloomsday - in Dublin aufhalten.


Auch hier finden sich erste Ansätze moderne Technologien in den Prozess mit einzubinden. Etwa durch Augmented Reality (siehe: Pokémon GO) oder Geocaching, auch als GPS-Schnitzeljagd bezeichnet. Oder Alternate Reality Games, kurz ARG genannt, über die wir im Rahmen unserer Artikelreihe Dark Oddities bereits mehrmals sprachen. (Beispiel: Dark Oddities #3 (ARG Edition))







Epilog



Ein wichtiger und auch oft unterschätzter Aspekt des Spaziergangs ist das nachhause kommen. Die Freude an relativ einfachen Dingen, wie das Schlüpfen in die gemütlichen Hausschuhe oder ein warmes erholsames Bad. Wenn man sich nochmal zurücklehnen kann und die gesammelten Eindrücke verarbeiten. Man mag sich fragen: War es nicht der Sinn und Zweck des Spazierganges sich zu erholen? Und da ist sie: Die Krux an der Sache! Wie soll man sich erholen, wenn man mit so vielen Sinneswahrnehmungen bombardiert wird? Wenn das Hirn stimuliert und man angeregt wird, über hundert Dinge nachzudenken, die Inspiration nur so sprudelt? Ganz zu schweigen von den Leuten denen man begegnet, Gespräche die man führt, Probleme und Lösungsansätze die man bespricht, die Gedanken und Emotionen die man davon trägt. Da kann man mal sehen wie leicht es in einem doch arbeiten kann, ohne dass es Anderen auffällt! Und wie leicht es doch ist einen guten Spaziergang zu unterschätzen...

#FEEDBACK

von Peter.W. 24. Februar 2026
2019 wurde auf 4chan dazu aufgerufen Fotos zu posten, die folgenden Kriterien entsprechen sollten: "disquieting images that just feel 'off'" Am 18. Mai reichte ein anonymer User das Foto eines unwirtlichen gelben Korridors ein, das bereits seit mindestens 2011 im Netz kursierte. Dieses wurde am darauffolgenden Tag von einem anonymen User um den Namen Backrooms und folgende Creepypasta ergänzt: If you're not careful and you noclip out of reality in the wrong areas, you'll end up in the Backrooms, where it's nothing but the stink of old moist carpet, the madness of mono-yellow, the endless background noise of fluorescent lights at maximum hum-buzz, and approximately six hundred million square miles of randomly segmented empty rooms to be trapped in God save you if you hear something wandering around nearby, because it sure as hell has heard you. Von da an ging eine Welle der Inspiration durch's Netz. Fans bauten weiter auf dem Mythos auf, kreierten ihre eigenen Bilder, Geschichten, Spiele und Filme. Diverse Internethorror-Channels berichteten über das Phänomen und auch wir vom Kollektiv-Magazin stellten die Backrooms im August 2021 in unserem Artikel Dark Oddities # 13 vor und kamen sogar auf das zugrundeliegende Konzept der Liminal Spaces zu sprechen. Den wirklichen Durchbruch schafften die Backrooms aber am 1. Februar 2022, als der damals 16-jährige Filmemacher und VFX-Artist Kane Parsons aka Kane Pixels das Erste einer ganzen Reihe von Analog Horror-Videos veröffentlichte: "The Backrooms (Found Footage)". Das raffiniert gemachte Nischenprojekt avancierte rasch zur viralen Sensation. Innerhalb eines Monats wurde es 13 Millionen mal angeklickt. Und die Massen hungerten nach mehr!
von Manuel Waldner 11. Februar 2026
Willkommen zum „INFINITI“-Spezial im Kollektiv Podcast! DI Dr. Norbert Frischauf (CERN, ESA, NASA) und Host Manuel Waldner diskutieren die Space- & Science-Highlights des Jahres 2026 und beantworten eure ZuschauerInnenfragen. Nach 50 Jahren Abwesenheit kehrt die Menschheit mit der Artemis-Mission und europäischer Beteiligung endlich zum Mond zurück, um dort eine dauerhafte Präsenz als Sprungbrett für den Mars aufzubauen. Norbert Frischauf beleuchtet die faszinierende Suche nach Leben auf dem Roten Planeten, wo Methan-Vorkommen und unterirdisches Eis auf noch existierende Mikroben hindeuten könnten. Der Podcast taucht tief in die Welt der Physik ein, von der Suche nach Dunkler Materie am CERN bis hin zur kritischen Einordnung der aktuellen Hypes um Kernfusion und Mega-Raketen wie dem Starship. Auch die Grenzen der Künstlichen Intelligenz in der Forschung und die ethischen Risiken von Geoengineering werden schonungslos analysiert. Abschließend gibt es einen Ausblick auf 2026, wo neue Super-Teleskope wie das ELT und James Webb potenziell erste echte Biosignaturen auf fremden Welten entdecken könnten. 01:12 - Rückkehr zum Mond: Das europäische Servicemodul und das neue Artemis-Raumschiff 02:13 - Artemis vs. Apollo: Warum wir nach 50 Jahren wieder fliegen und was anders ist 05:05 - Wasser am Mond: Warum die Pole und der "Halo Orbit" entscheidend sind 07:58 - Sprungbrett Mars: Nuklearantriebe und der Mond als Weltraumbahnhof 11:04 - Der Mars-Rover: Technische Herausforderungen bei -80 Grad Celsius 14:10 - Leben auf dem Mars: Methan als starkes Indiz für unterirdische Mikroben 17:39 - Mega-Raketen: Sinkende Kosten durch Starship und die Grenzen der Physik 22:42 - Dunkle Materie: Was uns Gravitationslinsen und das Euklid-Teleskop verraten 25:28 - Blick ins CERN: Wie Teilchenbeschleuniger den Urknall simulieren 31:44 - KI in der Wissenschaft: Warum Klimamodelle keine "starke KI" sind 37:59 - Robotergesetze: Isaac Asimovs Regeln und die Grenzen moderner Algorithmen 39:20 - CRISPR & Genetik: Warum der medizinische Durchbruch noch Zeit braucht 41:59 - Kernfusion erklärt: Der Unterschied zwischen Laser-Fusion und Tokamak 48:44 - Der neue Super-Collider (FCC): Warum wir eine 20-Milliarden-Maschine brauchen 55:52 - Ausblick 2026: Das European Extremely Large Telescope und die Suche nach einer zweiten Erde Ihr wollt auch eine Antwort vom Profi? Schickt eure Fragen an science@kollektiv-magazin.com . Die spannendsten Einsendungen nehmen wir in die nächste Episode auf! 👉 Vergesst nicht zu abonnieren! Werdet Teil des Kollektivs und verpasst keine unserer Touren, Talks und Eskapaden mehr.
von Manuel Waldner 30. Januar 2026
Die Nächte in Reykjavík flüstern von Maschinen und Träumen. Ein Echo hallt durch die Dunkelheit: "Afrit... Afritvél..." Die "Kopiermaschine" surrt unheilvoll, bereit, mehr als nur Tinte zu übertragen. Sie saugt Sehnsüchte auf, projiziert Bilder auf eine Leinwand der Besessenheit. Eine junge Frau steht im Scheinwerferlicht ihrer Fantasie, eine Königin auf einer Bühne, die nur in ihrem Kopf existiert. Doch der Glanz trügt. Hinter der polierten Fassade brodelt eine dunkle Wahrheit. Eine unheilvolle Entdeckung in der Stille des Kopierraums. Ein Stil kopiert bis ins kleinste Detail – und mit ihm ein Schatten des Endes. Angst kriecht unter die Haut, eine unstillbare Gier nach etwas, das nicht ihr Eigen ist. Warum diese tiefe Traurigkeit im Herzen, wenn die Oberfläche doch so strahlend ist? Sie tanzt auf einem schmalen Grat zwischen Märchen und Realität, unantastbar in ihrer eigenen Welt. Der Kopf hoch erhoben, ein flüchtiger Stern am Nachthimmel. Doch das "La-La-Land", in dem sie lebt, droht zu zerbrechen, ihre Handlungen hinterlassen Spuren der Zerstörung. Ist dieser gefährliche Pfad wirklich der Weg in die Freiheit? Die Maschine flüstert weiter, verlangt nach mehr. Träume sollen kopiert, Strahlen fixiert werden. Nicht nur der Wunsch nach dem Rampenlicht, sondern das Verlangen, das innerste Wesen zu duplizieren – "Afrit, Afritvél, viltu afrita genið?" Willst du das Gen kopieren? Teure Kleider, ein perfekt gestyltes Haar – eine Rüstung gegen die Welt. Die hasserfüllten Blicke prallen ab an einer Mauer aus Ignoranz. Prada als Schutzschild, während in den Casinos von Las Vegas ein riskantes Spiel mit dem Schicksal getrieben wird. Und dann diese Visionen: Einhörner und Engel, ein Kuss am Abgrund, ein Aufstieg in einen violetten Himmel. Ein flüchtiger Moment der Erlösung, in dem die Freiheit in den Augen glitzert. Doch ist es echt? Oder nur ein weiteres Bild, projiziert von der unheimlichen Maschine? Die "Afritvél" läuft unaufhaltsam weiter, eine Metapher für eine gefährliche Suche nach Identität. Eine Geschichte von Besessenheit, von der trügerischen Verlockung der Nachahmung und dem verzweifelten Wunsch, jemand anderes zu sein. Lausche genau, denn in den elektronischen Beats und dem eindringlichen Gesang verbirgt sich eine dunkle Wahrheit über den Preis der Freiheit und die Zerbrechlichkeit des Selbst. Hier gibt es mehr Informationen zum Musikprojekt: https://www.kollektiv-magazin.com/ai-musikprojekt-dominion-protocol
von Manuel Waldner 30. Januar 2026
Vom Rockprofessor bis zur Ex-Politikerin, vom Hit-Produzenten bis zum Kinder-Entertainer: Wir waren zu Gast bei Reinhart Gabriels „Stammtisch für Kunstschaffende“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Szene, die vor allem eines braucht: Echte Begegnung. Es ist keine gewöhnliche Podcast-Folge aus dem Wohnzimmer, wo sonst die Wäsche hängt. Diesmal sind wir mittendrin im Geschehen. Der Ort: Ein Raum voller Geschichte(n). Der Anlass: Der Stammtisch für Kunstschaffende. Hier geht es nicht um bloßes Visitenkarten-Tauschen, sondern um das Überleben und Aufblühen in einer Branche, die so hart wie herzlich sein kann. Das Ziel ist branchen- und generationenübergreifendes Netzwerken, bei dem man sofort weiß, „Wer ist wer“. Gastgeber Reinhart Gabriel hat eine klare Mission: Er schafft Räume für Begegnungen und Weiterbildung, damit Menschen voneinander lernen können. Doch was nehmen Künstlerinnen und Künstler konkret vom Stammtisch für Kunstschaffende mit? Reinhart Gabriel betont, dass es neben Theorie und Honorarnoten vor allem um das „praktische Wissen aus meinen letzten 35 Jahren in diesem Musikbusiness“ geht. Besonders am Herzen liegt ihm dabei die mentale Gesundheit: „Jede Menge Tipps und Tricks, wie man das Ganze ohne Substanzen übersteht. Dieses Business.“ Generationenübergreifender Groove Das Besondere am Stammtisch für Kunstschaffende ist der Mix: Hier trifft der Newcomer auf die Legende. Einer dieser Legendären ist Reinhold Bilgeri. Als Rockprofessor, Filmemacher und Autor hat er fast alles erreicht, doch der Antrieb ist ungebrochen. „Künstlerisch treiben mich meine Ideen, die nach wie vor herumkreisen, in meinem Kopf an“ , erzählt Bilgeri. Für ihn ist die Verbindung der Disziplinen ein Glücksfall: „Ich kann einen Roman schreiben und aus dem Roman ein Drehbuch machen [...] und dann am Schluss hast ein Film da.“. Eine Generation weiter – und doch künstlerisch verbunden – ist seine Tochter Laura Bilgeri . Nach sechs Jahren in Los Angeles hat sie im Lockdown ihre Liebe zur Musik entdeckt. Der Wechsel vom Filmset zur Musikbühne war fließend: „Alles Kreative ist wunderschön. Egal, ob es jetzt an einem Set ist [...] oder im Musikstudio“. Dennoch gibt es Unterschiede in der Nervosität. Auf die Frage, was nervenaufreibender sei – Casting oder Live-Auftritt – antwortet sie klar: „Tatsächlich ein Casting [...] Meistens sind diese Caster halt sehr emotionslos [...] Und bei einem Liveauftritt kriegst du gleich ein Feedback.“ Von der politischen Arena auf die Showbühne Einen der wohl spannendsten Karriere-Twists des Abends verkörpert Eva Glawischnig-Piesczek . Die ehemalige Spitzenpolitikerin ist heute auch musikalisch unterwegs. Hilft die Erfahrung harter politischer Debatten gegen Lampenfieber beim Singen? „Absolut. Also so exponiert zu sein wie in einem Parlament [...] In so einer richtigen Arena, in einer Kampfarena bist. Das ist schon eine Spur härter, als auf einer Musik Bühne zu stehen.“ Privat liebt sie Soul und Aretha Franklin – Musik, bei der man auch mal „Achter machen“ kann mit der Hüfte. Das Geschäft mit der Musik: Streaming, Hits und Rechte Doch Romantik allein zahlt keine Miete. Alexander Kahr , einer der erfolgreichsten Hitproduzenten des Landes, gibt Einblicke in die veränderte Realität der Musikproduktion im Streaming-Zeitalter. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt: „Dass der Anfang nie länger wie 3 bis 4 Sekunden sein sollte [...] Sonst bist du sofort weg.“ Dennoch bleibt für Kahr eines entscheidend: Die Persönlichkeit. Die ganz Großen, so Kahr, „haben sich selber nie wichtig genommen“. Damit am Ende auch das Geld stimmt, setzen sich Menschen wie Hans Ecker (AKM-Vizepräsident) und Emanuel Treu (AKM-Vorstandsmitglied) ein. Treu, der selbst den Podcast "Der erfolgreiche Musiker hostet", sieht keinen Widerspruch zwischen Funktionärsarbeit und Kreativität. Im Gegenteil: „Ich bin eigentlich überzeugt davon, dass ich ein besseres Vorstandsmitglied bin. Deshalb, weil ich die Branche hautnah erlebe.“. Ehrliches Feedback: Kinder und der Wiener „Schmäh“ Wer wissen will, ob eine Performance wirklich funktioniert, sollte Christoph Hirschler fragen. Der Kinderentertainer und Zauberer stellt sich täglich der härtesten Jury der Welt. „Wenn es ein Kind nicht interessiert, steht auf und geht oder macht irgendwas anderes.“ Diese Schule der direkten Resonanz hilft ihm auch vor erwachsenem Publikum. Ein Publikumsliebling ganz anderer Art ist Adi Hirschal . Er hat das „Strizzi-Lied“ wieder salonfähig gemacht und sieht darin eine Antwort auf den Zeitgeist: „Die Sehnsucht nach einer Unkorrektheit, die völlig abhanden gekommen ist in der letzten Zeit, weil alles so korrekt ist und so geschniegelt.“ . Sein Rat an die Jungen? Nicht im stillen Kämmerlein bleiben, sondern „Offen zu sein.“. Wien: Mehr als Mozart W24-Journalist Gerhard Koller bestätigt beim Stammtisch für Kunstschaffende, dass Wien seinen Ruf als Weltstadt der Musik zu Recht trägt, sich aber wandelt. Es geht nicht mehr nur um Mozart und Falco. „Gerade der neue Austro Pop [...] ist ein ganz starkes Lebenszeichen.“ . Bands wie Wanda oder Bilderbuch zeigen eine „ganz moderne, neue Art des Wienerischen“. Fazit: Vernetzung ist alles Ob Bildregisseur Axel Hofmann , der live Pannen ausbügeln muss, ohne dass der Zuschauer es merkt , oder das Musik-Duo Pilat & Pross , die sich blind verstehen: Der Tenor des Abends ist eindeutig. In einer Zeit, in der vieles digital und oberflächlich läuft, ist der persönliche Kontakt Gold wert. Der Stammtisch für Kunstschaffende von Reinhart Gabriel beweist: Wenn Menschen ihre Geschichten teilen, entstehen nicht nur Netzwerke, sondern Inspiration für die Zukunft. Die Gäste dieser Ausgabe Reinhart Gabriel: Gastgeber & Seminarleiter Reinhold Bilgeri: Rockprofessor & Multimedia-Künstler Laura Bilgeri: Schauspielerin & Musikerin Hans Ecker: AKM-Vizepräsident Emanuel Treu: Songwriter, Podcaster & AKM-Vorstand Eva Glawischnig-Piesczek: Ex-Politikerin & Sängerin Gerhard Koller: Journalist (W24) Axel Hofmann: Bildregisseur Adi Hirschal: Schauspieler & Intendant Christoph Hirschler: Kinderentertainer Alexander Kahr: Musikproduzent Pilat & Pross: Musik-Duo Sonja Plöchl: Model & Bookerin Credits: Redaktion & Schnitt: Manuel Waldner | Kamera: Marcus Schwemin